„Die jungen Damen waren als Schaffnerinnen durch eine rothgelbe Schleife kenntlich gemacht…“ – Seltene Artefakte aus der Frühzeit der Detmolder Straßenbahn erhalten geblieben

Eine Schleife und eine Armbinde in den lippischen Landesfarben Rot und Gelb sind überaus
seltene Belegstücke aus den frühen Betriebsjahren der Detmolder Straßenbahn. Am 2.
Oktober 1902 wiesen diese Stücke etliche Schülerinnen der Höheren Töchterschule als
Beauftragte der Straßenbahngesellschaft LEAG (Lippische Elektrizitäts Aktiengesellschaft)
aus. In den Wagen fungierten sie als Schaffnerinnen und verkauften den Fahrgästen die
Fahrscheine. Die Einnahmen flossen in eine eigens für die Feier zum 300jährigen Jubiläum
des Leopoldinums eingerichtete „Jubiläumsstiftung“.

Etwa ein Dutzend Mädchen der Höheren Töchterschule in Detmold fuhren am 2. Oktober
1902 in den Wagen der Detmolder Straßenbahn als Schaffnerinnen mit. Hintergrund war ein
Jubiläumsfond, der aus Anlass des 300jährigen Bestehens des Leopoldinums ins Leben gerufen
wurde. Auch die LEAG als Betreibergesellschaft der Straßenbahn wollte sich an dem Fond
beteiligen und lud die Schülerinnen ein, sich als Schaffnerinnen zu betätigen. Das durch sie
eingenommene Geld sollte dann als Zuwendung der LEAG an den Jubiläumsfond gehen.
Regnerisches Wetter an diesem Tag begünstigte offenbar die Bereitschaft der Menschen, auf
ihrem Weg zwischen Detmold und Heiligenkirchen bzw. Berlebeck die „elektrischen Bahn“ zu
benutzen. Immerhin hatten die jungen Damen am Ende des Tages 350 Reichsmark
eingenommen.

Die „Schaffnerinnen“ tragen ihre Armbinde, einige zusätzlich die Schleife. Zweiter von links ist der Vize- Direktor der LEAG, Herr Assessor Tenge, zweiter von rechts Herr Direktor Ferdinand Wessel (Quelle: Sammlung Soppa)
Die „Schaffnerinnen“ tragen ihre Armbinde, einige zusätzlich die Schleife. Zweiter von links ist der Vize- Direktor der LEAG, Herr Assessor Tenge, zweiter von rechts Herr Direktor Ferdinand Wessel (Quelle: Sammlung Soppa)

Von diesem Anlass wurden bisher zwei Fotos veröffentlicht. Sie zeigen die jungen Damen vor
Straßenbahnwagen stehend am Detmolder Bahnhof. Die in der damaligen Tagespresse
erwähnten „rothgelben Schleifen“ und insbesondere die Armbinden sind auf besagten Fotos
auch deutlich zu erkennen.

Abbildungen der Schleifen und der Armbinden selbst sind bisher allerdings noch nicht
publiziert. Auf sie soll daher im Nachstehenden kurz eingegangen werden.

Aus naheliegenden Gründen dürfte die Zahl der vor nunmehr 123 Jahren hergestellten
Schleifen und Armbinden nicht sehr hoch gewesen sein. Im Ganzen waren es vielleicht nicht
mehr als 20. Eine Schleife und eine Armbinde blieben in außergewöhnlich gutem Zustand
erhalten. Offenbar wurden sie stets sorgfältig aufbewahrt, so dass sie keinen Mottenfraß
aufweisen und sehr farbfrisch wirken. Sie befinden sich heute in privatem Besitz. Vielleicht
handelt es sich dabei sogar um die letzten Artefakte dieser Art.

Die Schaffnerinnen-Armbinde aus Seide (?) hat eine Gesamtlänge von ca. 38 cm, die Höhe
beträgt 10,5 cm. Der gelbe Mittelstreifen ist mit dem 15 mm hohen Schriftzug „Schaffnerin!“
bedruckt und beidseitig von einem 2,5 cm breiten roten Streifen eingefasst.

Bei dem erhalten gebliebenen Exemplar ist auf der Rückseite mit einer Sicherheitsnadel ein
kleiner Zettel angebracht. In deutscher Schreibschrift ist darauf mit Bleistift notiert:
„Donnerstag d. 2 Oktober 1902 Schaffnerin d. Elektrischen Bahn zum Besten des Gymnasiums
300j. Jubiläum“. Dieser Hinweis dürfte unzweifelhaft von der namentlich leider nicht
bekannten Trägerin der Armbinde stammen.

Die Schaffnerin-Armbinde der LEAG ist in den lippischen Landesfarben gehalten (Foto: privat)
Die Schaffnerin-Armbinde der LEAG ist in den lippischen Landesfarben gehalten (Foto: privat)

Während die Armbinde auf die betriebliche Funktion der Trägerinnen hinweist, verweist die
Schleife auf einen Zweck. Das rot-gelbe Band von 14 mm Breite ist bedruckt mit „Gymnasium
Leopoldinum. 1602 – 1902.“ Fertig gebunden, so wie auf dem Foto zu sehen, ist die Schleife
ca. 13 cm lang. Die lippische Rose hat einen Durchmesser von 14 mm und ist auf der Rückseite
mit einer 5 cm lange Anstecknadel verbunden.

Die Armbinde ist sicherlich nur für den Zweck der Straßenbahnfahrten am 2. Oktober 1902
verwendet worden. Bei der Schleife könnten die Dinge anders liegen: es erscheint durchaus
denkbar, dass Schleifen aus Anlass des Jubiläums als solchem ausgegeben wurden und damit
nicht nur an die jungen Damen, die als Straßenbahn-Schaffnerinnen fungierten.

Ansteck-Schleife zum 300jährigen Jubiläum des Detmolder Leopoldinums (Foto: privat)
Ansteck-Schleife zum 300jährigen Jubiläum des Detmolder Leopoldinums (Foto: privat)

Die beiden in diesem Beitrag verwendeten Abbildungen der Armbinde und der Schleife sind
urheberrechtlich geschützt!

Quellenhinweise

Fink: Leopoldinum, Gymnasium zu Detmold (Bielefeld, 2002)
Heusinkveld/Kenning: Die PESAG (Nordhorn, 2012)
Lippische Landezeitung: Ausgabe vom 3. Oktober 1902
Menninghaus: Straßenbahnen in Lippe-Detmold und im Paderborner Land (Lübbecke, 1987)

Konrad Soppa, September 2025